Hobbyseite - Die "Rolling Restoration"
einer Citroen ID19

Da ich nicht pendeln muss und dank Internet
überwiegend zuhause arbeiten kann, brauche ich nur selten ein Auto, im
Alltag eigentlich nie. Zwar machte ich den "rosa Lappen"
zugunsten diverser Studentenjobs gleich mit
18, aber ein eigenes Auto kam mir - natürlich vor allem aus
finanziellen Gründen - vorerst nicht in den Sinn. Außerdem ist
man in der Stadt mit Fahrrad, Bus und Bahn in der Regel schneller
unterwegs als im Auto, die Parkplatzsuche eingerechnet. Auch in
meinen ersten Berufsjahren wählte ich, wenn man mir bei Dienstreisen
beim Verkehrsmittel die freie Wahl ließ und genug Zeit blieb, am
liebsten den Zug und zahlte notfalls den
Aufschlag für die 1. Klasse selbst, nur um im InterCity in den
Genuss der damals noch recht mondänen Abteile mit ihren plüschigen moosgrünen oder
samtroten Polstersesseln zu kommen. Bis heute fahre ich gerne Zug;
man reist komfortabel und entspannt, kann unterwegs
arbeiten, jederzeit aufstehen und herumlaufen, lesen oder einfach nur aus dem Fenster
schauen, und man hat vor allem wesentlich mehr Beinfreiheit als in
einem Auto.
Trotzdem gibt es hin und wieder Situationen, in
denen man einfach mal irgendwohin fahren möchte oder sogar muss, ohne auf Fahrpläne achten zu
können oder darauf, ob in
der Nähe zufällig ein öffentliches Verkehrsmittel kreuzt. Und
nicht jeder Einkauf lässt sich per Rucksack und Fahrrad
bewältigen. Nachdem ich Car Sharing getestet und relativ schnell
wieder verworfen hatte - die wenigen verfügbaren Autos waren
natürlich immer genau dann ausgebucht, wenn man dringend eins
brauchte - spielte ich schließlich doch mit
dem Gedanken, mir ein eigenes Auto zuzulegen. Über mehrere Wochen
hinweg probierte ich bei diversen Autohändlern das
eine oder andere Vehikel aus. Die älteren, großen und in der
Regel auch recht bequemen Limousinen schieden leider aus, denn sie
kosteten einfach zuviel Steuern und Versicherung und hatten in der
Regel auch das eine oder andere technische Gebrechen. Und die
etwas neueren Kleinwagen aus Fernost oder Südwesteuropa wollte ich nicht, denn sie
waren eng, unbequem und strotzten innen nur so vor grauen
Plastikteilen. Wenn man mit so einem "Kompaktwagen"
schon nach kurzer Probefahrt mit leichten Rückenschmerzen
wiederkam und sich über die harte Federung und die unbequemen
Sitze beschwerte, bezeichnete der Händler
das souverän grinsend als "sportlich" oder verwies auf
den "für diese Klasse enorm durchzugsstarken" Motor.
Wäre ich im Alltag auf ein möglichst preiswertes Auto
angewiesen, bei dem es natürlich um einen maximalen Nutzwert und
nicht um Luxusansprüche wie Ästhetik und Komfort geht, hätte
ich wahrscheinlich zwangsläufig zugegriffen, aber wer kauft sich schon freiwillig einen unbequemen
und hässlichen Stuhl, wenn er nicht unbedingt muss? Außerdem
wollte ich nicht "sportlich" fahren (insofern man Auto
fahren überhaupt als "sportlich" bezeichnen kann),
sondern eher entspannt und bequem dahingleiten.

Da ich mich schon als Kind eingehend für
historische Transportmittel interessiert hatte und massive Möbel
aus der Gründer- und Jugendstilzeit mehr schätze als die heute
weitverbreiteten skandinavischen Selbstmontageregale aus
mitteldichten Faserplatten (die es natürlich auch in meiner
Wohnung gibt),
führte mich meine weitere Suche nach einem bequemen, schönen und
preiswerten Auto zwangsläufig zum Thema Old- und Youngtimer, denn ich
hatte von einem Bekannten gehört, dass hier dank relativ
niedriger Steuern, Anschaffungs- und Versicherungskosten für so
genannte "Wenig- und Schönwetterfahrer" wie mich mit
etwas Glück genau das zu finden war, was ich suchte: Ein schickes
Auto mit viel Platz und
Komfort zum Preis eines neuzeitlichen Kleinwagens. Aber auch hier
hatte ich bestimmte Mindestanforderungen: Zwar wollte ich nicht mit
200 Sachen über die Autobahn rasen, aber der Oldtimer sollte es einem
schon noch ermöglichen, bis Tempo 120 mühelos im
heutigen Straßenverkehr mitzuschwimmen, ohne dass einem die Betätigung
von Lenkung, Bremse und Schaltung merkwürdig komplizierte Bedienvorgänge mit
hohem Muskelaufwand abverlangen würde oder man für jedes
Bremsmanöver abenteuerliche Sicherheitsabstände einkalkulieren
musste. Und auch auf eine Heizung, elektrische Scheibenwischer, eine
landstraßentaugliche Beleuchtung, Kopfstützen
und Sicherheitsgurte wollte ich bei aller Nostalgie nur ungern
verzichten. Also konzentrierte ich meine Suche auf die typischen
Reiselimousinen der 60er und 70er Jahre.
Vermutlich durch die vielen Filme mit Louis de
Funes, die während meiner Kindheit oft bei uns im Kino und im
Fernsehen liefen (ich habe sie heute fast alle auf DVD), kam ich
relativ schnell auf jenes putzige Vehikel namens "Citroen
DS", das neben reichlich Platz und Komfort schon
damals über jede Menge technische Raffinessen verfügte, die
selbst heute noch als außergewöhnlich gelten, darunter die legendäre
hydropneumatische Federung, die das Auto so schön schaukeln ließ. Übers Internet nahm ich Kontakt zu
diversen Spezialhändlern und -werkstätten auf, die es zu meiner
Überraschung recht reichlich gab und machte schließlich eine erste
Probefahrt. Danach stand meine Entscheidung fest: So ein Ding muss
es sein, denn es war herrlich bequem, fuhr sich fast so leicht wie
ein "modernes" Auto und sah auch noch umwerfend
aus. Kein Wunder, denn Citroen hatte damals eigens einen Bildhauer mit dem Design der Karosserieformen
beauftragt.

Da die Spezialhändler vorwiegend komplett
restaurierte "D-Modelle" zu entsprechend hohen Preisen - oftmals
sogar mit erheblicher Wartezeit - verkauften, verlegte ich meine
Suche auf den privaten Markt, auf dem das Risiko, sich eine
"veritable Ruine" an Land zu ziehen, natürlich
wesentlich höher ist. Also kaufte ich mir Sachbücher, studierte
Kaufberatungen und Erfahrungsberichte und nahm Kontakt zu
DS-Fahrern in meiner Umgebung auf, die mir erklärten, worauf ich
beim Kauf achten musste und welche Modelle ich als Anfänger und
technischer Laie bevorzugen sollte. Gut, dass sie bei meinen ersten Besichtigungen
dabei waren, denn jede Déesse, die ich gedanklich fast schon
gekauft hatte, sah zwar auf den ersten
Blick auch in natura buchstäblich blendend aus, war jedoch an allen wichtigen
Stellen, die man nur von unten auf einer Hebebühne oder nach
Demontage einiger Teile vom
Kofferraum aus sieht, total verrottet oder durch Zuschweißen, Verspachteln und Zukleistern mit reichlich
Unterbodenschutz im besten Fall notdürftig zusammengehauen. Vom
Zustand der Elektrik, Hydraulik und Antriebstechnik ganz zu schweigen.
Allmählich begriff ich, dass es äußerst schwierig
werden würde, auf dem privaten Markt jenseits der zahlreichen
Notverkäufe "mangels Zeit/Platz" (Übersetzung =
"die Grotte muss weg/meine Frau droht mit Scheidung") eine DS zu einem
vernünftigen Preis zu finden, die technisch gut erhalten, optisch
schön und frei von Durchrostungen an Chassis und Karosse war. Einer der mir inzwischen bekannten DS-Fahrer riet mir
schließlich: "Dann such Dir halt eine, die keine schlimmen Rostprobleme hat
und technisch einigermaßen funktioniert, alles andere kann man
nach und nach machen". Den Kontakt zu einem ehemaligen
Citroen-Händler, der inzwischen in Frankreich lebt und hin und
wieder alte Citroens und Renaults nach Deutschland
"importiert", lieferte er mir gleich mit. Ich erreichte
ihn schließlich telefonisch auf seinem Bauernhof im Loire-Kreis,
und er hatte tatsächlich gerade eine DS "in der
Mangel", die er in nächster Zeit nach Deutschland
überführen wollte; genauer eine beigefarbene ID 19 B von 1968, die ein Bauer aus der
Umgegend zuletzt nur noch selten, und wenn, dann vor allem auf der
relativ kurzen Strecke zwischen dem nächsten Weinlokal und seinem
Gutshof genutzt hatte. Ende April 2002 erhielt ich schließlich per
Post vier Fotos, und wir vereinbarten für Mitte Juni einen
Besichtigungstermin in seiner ehemaligen Werkstatt bei Ulm. Der
Händler kam
dazu extra mit der ID über 1.000 km aus dem Loirekreis angefahren, ich
"nur" knapp 600 km mit dem Zug.
Barfuß und in kurzen Hosen holte mich der
ehemalige Citroen-Händler mit
dem Oldtimer vom Bahnhof ab, ich übernahm auf halber Strecke das
Steuer (das war die Probefahrt), und in seiner Werkstatt nahmen
wir das 34 Jahre alte Auto abschließend auf die Hebebühne. Das
Ergebnis war verblüffend: Obwohl die Reifen steinalt und rissig, das Dach
undicht, die Frontscheibe stark verkratzt, der Innenraum total
verdreckt, der Lack stumpf und nicht nur so manches
Hydraulikteil
dringend überholungsbedürftig war, befanden sich
Motor, Getriebe, Chassis und alle Karosserieteile in einem
bemerkenswert guten Zustand. Ein neuer TÜV und das
Oldtimergutachten für das H-Kennzeichen lagen bereits vor, von
der Abgasuntersuchung war dieses Modell baujahrbedingt befreit.
Schließlich wurden wir uns über den Preis einig, ich leistete
eine Anzahlung, und nachdem das
Kraftfahrtbundesamt das Fahrzeug für eine Zulassung in
Deutschland freigegeben hatte, fuhr ich kurz darauf erneut nach
Ulm; im Gepäck das restliche Geld, die deutschen Papiere und die
"frisch gepressten" H-Kennzeichen.

Den Rest des Jahres 2002 fuhr ich fast 3.000 km
mit dem 34 Jahre alten Citroen herum und hatte so genügend Zeit,
die technischen Schwachstellen ausfindig zu machen, die am
dringendsten beseitigt werden mussten. Anfangs
vertraute ich dafür noch auf die "Fähigkeiten"
einer Vertragswerkstatt und eines selbst ernannten
Oldtimerspezialisten aus meiner näheren Umgebung, was sich jedoch
leider als teurer und ärgerlicher Fehlgriff erweisen sollte.
Nach dem Wechsel zu einer Berliner Spezialwerkstatt für
französische Oldtimer wurde es dann
ab 2004 schlagartig besser. Das Dach wurde abgenommen und
abgedichtet, vor allem durch die vorherige Werkstatt
mitverschuldete Undichtigkeiten am Motor und am Getriebe beseitigt, viele Teile
der Hydraulik und Elektrik erneuert, das Chassis an einigen
Stellen geschweißt und komplett hohlraumversiegelt, und zum Schluss
erhielt das Auto neue Reifen von Michelin, eine neue
Windschutzscheibe und die originalen "geschraubten" Federkugeln, die
so nur noch ein Spezialist aus Norddeutschland aufarbeitet. Inzwischen kann
ich so manchen kleinen Handgriff sogar selber ausführen; und es
wäre bestimmt noch mehr, wenn ich in meiner kleinen Garage mehr Platz, das geeignete
Werkzeug und die erforderliche Zeit dafür hätte. Trotz der
anfänglichen Ärgernisse mit unseriösen Werkstätten hat sich die
inzwischen in allen wichtigen Punkten abgeschlossene "Rolling
Restoration" der ID 19 gelohnt, Classic Data hat das Auto
inzwischen in die Zustandsnote 2,25 eingestuft, und vor allem das
herrlich weiche und komfortable Fahrgefühl lohnt auf jeden Fall
die Mühe, ein solch hochkomplexes und wartungsintensives Fahrzeug
zu erhalten, das zwar in seiner Substanz grundsolide ist, aber
einen nach knapp 40 Jahren Dauereinsatz natürlich immer mal
wieder mit einer neuen "Macke" überrascht.
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