Citroën DS = "La Déesse" = "Die
Göttin"
Einer der Leitsprüche des marketinggewandten Firmengründers André
Citroën lautete: "Wenn eine Idee wirklich gut
ist, dann spielen Kosten keine Rolle". Getreu diesem
heute für einen börsennotierten Konzern völlig undenkbaren Motto und dem amerikanischen Vorbild
Ford wurde die Marke Citroën
in Europa
ab 1919 zu einem Vorreiter
in Sachen Fließbandproduktion, Ratenkauf und Werksgarantie. In den 20er
und 30er Jahren durchquerte man mit
eigens dafür gebauten Kettenfahrzeugen mehrfach die unwegsamsten
Regionen der Erde und überstand nach der
Weltwirtschaftskrise eine Beinahe-Pleite der Firma sowie den viel
zu frühen Tod
des inzwischen spielsüchtig gewordenen Firmengründers,
der den großen Erfolg des unter seiner Regie
entstandenen ersten Serienautos der Welt mit Vorderradantrieb ("Traction Avant")
nicht mehr erlebte. Nach der Übernahme der Aktienmehrheit durch
den Reifenhersteller Michelin
entwickelte Citroën den komplett aus Aluminium gefertigten Prototyp eines "kleinen,
sparsamen und preiswerten Autos, das zwei Bauern in Stiefeln und einen Korb Eier, einen Zentner Kartoffeln
oder ein Fässchen Wein bequem in die nächste Marktstadt transportieren kann", wobei
die Eier selbst auf den holprigsten Feldwegen nicht kaputt gehen
durften. Das spartanische Minimalauto mit dem Werkscode "TPT
- Tout petite voiture" wurde schließlich ab 1949 als "2
CV" in Serie gebaut und bis 1990 über 5 Millionen mal unter dem
Spitznamen "Ente" verkauft.

Auch für die 1934 eingeführte große
Reiselimousine "Traction Avant" arbeitete man bereits vor dem 2. Weltkrieg unter dem Werkscode
"VGD - Voiture de grande diffusion" an einem Nachfolgemodell. Der 11 CV bot durch
seine freitragende Karosse mit langem Radstand und Vorderradantrieb
viel Komfort und eine bisher unerreichte
Straßenlage
und war deshalb rasch bei
Bankräubern als Fluchtfahrzeug beliebt, was ihm schließlich den Spitznamen "Gangster" einbrachte. Der
"VGD", dessen
Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg mit Hochdruck fortgesetzt wurde,
sollte den 11 CV/15CV in punkto Fahrkomfort und Straßenlage
noch einmal deutlich übertreffen und auch sonst die meisten
gängigen Standards im Automobilbau in den Schatten stellen. Und
so tüftelte man hinter hohen und streng bewachten Mauern
unermüdlich an einem Auto, das laut Pflichtenheft folgendermaßen
konstruiert sein sollte: Aerodynamische Form, selbsttragendes
Chassis mit einzeln befestigten Karosserieteilen, die sich bei
Bedarf schnell und einfach austauschen lassen. Federt so komfortabel, dass die
Insassen den Fahrbahnzustand kaum noch spüren, behält unabhängig
von der jeweiligen Zuladung stets die gleiche Bodenfreiheit, kann seine Bremskraft
mit Hochdruck lastabhängig zwischen Hinter- und Vorderachse
verteilen. Läuft bei einem
Reifenplatzer nicht aus der Spur, verfügt über ein Brems-Antiblockiersystem für die Hinterachse, kann sich
zum Radwechsel von allein aufbocken und seine Bodenfreiheit zum Überfahren von
Hindernissen aus eigener Kraft in mehreren Stufen erhöhen.
Lässt sich mit der Kraft einer leicht aufgelegten
Hand lenken, mit dem Zug eines Fingers schalten und mit dem Druck
einer Zehe
bremsen. Leuchtet Kurven im voraus aus und unterdrückt seine
Seitenneigung in der Kurve. Und zu guter Letzt sollten sich Fahrer und Beifahrer
die gewünschte Innenraumtemperatur unabhängig voneinander
einstellen können.

So verrückt und utopisch diese Idee
für die damalige Zeit auch schien, so unermüdlich arbeitete man
bei Citroën nach dem Motto "Alle wussten, dass es unmöglich war - bis auf den
Narren, der es einfach versuchte" weiter an ihrer Verwirklichung. Und so entstand in
jahrelanger geheimer Entwicklungsarbeit jenes skurrile Auto, das
schließlich auf
dem Pariser Salon von 1955 als "La Bombe Citroën"
einschlug und mehr technische
Neuerungen in sich vereinte als jedes andere Großserienauto davor und danach:
Der Citroën DS 19 mit hydropneumatischer
Federung, Servolenkung, halbautomatischer Schaltung ohne
Kupplungspedal und einer mittels Gummiknopf betätigten
Zweikreis-Hochdruckbremse. Viele weitere ursprünglich
geplante Details wie die mitlenkenden Scheinwerfer, die
Benzineinspritzanlage, ein leistungsstarker 6-Zylinder-Motor, ein Antiblockiersystem für die Hinterräder,
eine Hydraulikvorrichtung zum Ausgleichen der Seitenneigung in
Kurven, hydraulisch betätigte Scheibenwischer, Fensterheber sowie
ein Heckspoiler, der sich bei Bedarf wie eine Flugzeugbremsklappe
aufstellt, wurden aufgrund der durch den 2. Weltkrieg
unterbrochenen Entwicklungszeit verworfen oder erst wesentlich später
in die Serienproduktion des DS und nachfolgender Citroën-Modelle
übernommen; die "Bremsklappe" findet sich zum Beispiel
erst beim 2006 vorgestellten Modell C6.
Allein am Tag ihrer Markteinführung bestellten
über 12.000 Kunden den neuen großen Citroën, und bis zum Ende des Pariser Salons
waren bereits über 80.000 Einheiten "verkauft". Wegen der nur schleppend anlaufenden
Serienproduktion mussten jedoch fast alle kurzentschlossenen Käufer
erst einmal jahrelang auf ihr neues Gefährt warten. Ihre Geduld wurde
jedoch durchaus belohnt, denn die DS der ersten Jahre steckten aufgrund der
äußerst knapp bemessenen Endentwicklungsphase noch voller Kinderkrankheiten und
waren keineswegs ein Fall für Leute, die ihr
Auto täglich benutzen wollten. Zwar hatte Citroën kurz vor dem
Erscheinen der DS eine kleine Stückzahl des Vorgängermodells
"Traction Avant" vom Typ 15 CV 6H mit einer
hydropneumatisch gefederten Hinterachse nebst Höhenverstellung
ausgestattet, aber die Zeit war dennoch zu kurz, um die
Langzeitzuverlässigkeit des wesentlich komplexeren
Hydrauliksystems der DS zu testen. So erwies sich beispielsweise die
anfangs verwendete
synthetische Hydraulikflüssigkeit als stark wasseranziehend und
neigte dadurch bei Wärme zur Säurebildung und bei längeren
Standzeiten zum Verharzen.
Durchgerostete Hydraulikleitungen und verstopfte Rücklaufschläuche
verwandelten den extravaganten Neuwagen dann binnen kurzer Zeit in ein manövrierunfähiges "Auslaufmodell".
Entsprechend havarierte DS
mussten anfangs extra per Eisenbahn zurück ins Pariser Hauptwerk
gebracht werden, da Citroën das gesamte VGD-Projekt bis zum
Pariser Salon strengstens geheim gehalten hatte und sich bei der
Markteinführung weder die
einheimischen noch die ausländischen Händler und
Werkstätten mit der anspruchsvollen
Technik des neuen Modells auskannten.

Nicht ohne Grund schob Citroën bereits ein
Jahr nach dem Erscheinen der DS das technisch einfacher
aufgebaute und preiswertere Modell ID nach, das lediglich über die
hydropneumatische Federung der DS verfügte und sich ansonsten
ohne Servolenkung, per Handschaltung sowie mit einem
herkömmlichen Brems- und Kupplungspedal bedienen ließ. Auch den
Motor übernahm man bei den ersten ID wieder komplett aus dem
Vorgängermodell 11 CV. Parallel dazu konnte man ab 1962 auch die
DS mit Handschaltung und Kupplungspedal bestellen, die
Bremsbetätigung per Gummiknopf blieb jedoch bis zum Ende der
Baureihe erhalten und wurde sogar bei den Kombimodellen der
ID eingeführt. Im Verlauf der 60er Jahre gab es die ID dann
sukzessive mit dem neuen, 5-fach gelagerten Motor und dem
Hochdruckbremskreislauf der DS, der neuen mineralischen
Hydraulikflüssigkeit LHM, den mitlenkenden Zusatzscheinwerfern
und einer optionalen Servolenkung. Ab 1967 unterschied sich
eine ID dann nur noch durch ihre etwas einfachere Innen- und
Zierelementausstattung, die Bremsbetätigung (Pedal statt
Gummipilz) und die schwächere Motorisierung von der DS. Nach den z. T. schwerwiegenden
Pannen der ersten Jahre produzierte
Citroën dann mit deutlich steigender Qualität über 1,5
Millionen Exemplare des D-Modells in den Ausführungen Limousine ("Berline"),
Kombi ("Break") und Cabrio ("Décapotable"), bis die Produktion 1974/75 zugunsten des
Nachfolgemodells CX eingestellt und der Citroën-Konzern von Peugeot
(PSA) übernommen wurde. Heute existieren weltweit noch ca. 16.000 fahrbereite
D-Modelle.
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